«Jetzt bin ich wieder voll da»

Nach dem tiefen Fall als abgewählter Regierungsrat möchte es Roberto Zanetti (54) nochmals wissen und in den Ständerat gewählt werden. Dann kann er noch mehr seiner liebsten Freizeitbeschäftigung frönen: dem Politisieren.
Stefan Frech

Eine Zigarette, eine zweite. Roberto Zanetti ist gehetzt. In der Nacht hat er 30 E-Mails und Facebook-Grüsse beantwortet, am Mittag vor laufender Tele M1-Kamera in Aarau mit seinen Mitkandidaten gestritten. Jetzt am Nachmittag sitzt er in seinem Büro in Solothurn – arbeiten sollte er ja auch noch – und stellt sich den Fragen dieser Zeitung. Am Abend spricht der 54-Jährige bei der SP Gerlafingen. «Dieser Wahlkampf gibt schon verdammt viel zu tun», sagt Zanetti. «Aber es macht Spass.» Viel mehr Spass als noch vor vier Jahren, als er um seine Wiederwahl in den Regierungsrat bangen musste. «Damals ging es darum, ob ich meinen Job behalten kann. Und ich wurde wegen der Pro Facile-Affäre öffentlich massakriert.» Zanetti verlor seinen Job. Diese Zeit steckt ihm noch immer tief in den Knochen. Er spricht viel über die Umstände seiner Abwahl und wird dabei nachdenklich. «Ich wurde sehr hart abgestraft.» Seine glänzende Wiederwahl in den Kantonsrat diesen Frühling war jedoch Balsam für Zanettis Wunden. Er fühlt sich rehabilitiert. «Klar, ich bin vorsichtiger geworden», sagt er. «Aber jetzt bin ich wieder voll da.» Er ist Politiker durch und durch und glaubt, dass er in den Ständerat, in die nationale Politik, reinpassen würde. Ein neuer Höhepunkt also nach dem tiefen Fall.

Der steile Aufstieg und der tiefe Fall
Roberto Zanettis politische Karriere verlief lange Zeit gradlinig aufwärts. Der Sohn eines Von Roll-Arbeiters aus dem Puschlav trat als 18-Jähriger in Gerlafingen in die SP ein. «Ich habe es bis heute kein einziges Mal bereut.» Der Kanti-Schüler kämpfte damals für eine Volksinitiative, die den Waffenexport verbieten wollte. «Ich war tief beeindruckt, dass die Von Roll-Büezer an der SP-Versammlung Ja sagten zur Initiative, obwohl die Von Roll damals noch Kanonenrohre schmiedete und sie Repressionen befürchten mussten.» Schon bald wurde Roberto Zanetti als 22-Jähriger in den Gemeinderat Gerlafingens gewählt, als 36-Jähriger übernahm er das Gemeindepräsidium. Drei Jahre später sass er im Kantonsrat, wo er als Präsident der Finanzkommission mithelfen musste, die Kantonsfinanzen zu sanieren. Sein erfolgreicher Kampf für den Erhalt des Stahlwerks Gerlafingen 1996 brachte ihm drei Jahre später bei den Nationalratswahlen ein Spitzenresultat und einen Sitz in Bern. Es wurde ruhiger um ihn, 2003 schaffte er aber im zweiten Wahlgang den Sprung in die Kantonsregierung. Als Volkswirtschaftsdirektor schien er seine Berufung gefunden zu haben, doch nur ein Jahr später geriet er wegen der Affäre um die in die dubiosen Geschäfte von Dieter Behring involvierte Stiftung Pro Facile in einen Sturm, der ihn zerzauste. Zanetti fiel aus allen Wolken. Vom Strahlemann zum Buhmann. Er zog sich verbittert aus der Politik zurück und verstummte.

«Ich weiss, wie die Leute reden»
Auch nach seinem Comeback als Kantonsrat hat er noch nicht zu seiner alten Stimme zurückgefunden. «Ich habe mich bis jetzt in den Debatten bewusst etwas zurückgehalten.» Jetzt will er sie aber wieder vermehrt einsetzen, seine volksnahe Sprache, die zu seinem Markenzeichen wurde. «Ich habe als Nicht-Familienvater ein Privileg: Ich kann abends nach der Arbeit mit meinen Kollegen ins Pub und über Fussball, Politik oder was auch immer diskutieren – ich weiss, wie die Leute reden.» Es ist ihm wichtig, komplexe politische Themen einfach aber nicht plump darzustellen, damit sie für alle verständlich sind. «Das ist eine grosse Kunst.» Eine Kunst, die zwei seiner politischen Vorbilder, Willi Ritschard und «Aschi» Leuenberger, beherrscht haben. Als Gewerkschafter wussten beide, mit welchen Worten sie den einfachen «Büezer» erreichen konnten. Auch Roberto Zanetti war und ist aktiver Gewerkschafter. Er arbeitete 2000 bis 2003 als Sekretär des Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonalverbands, jetzt ist er Mitglied der Unia und des VPOD sowie Präsident des kantonalen Polizei-Beamten-Verbands.

Politik als liebste Freizeitbeschäftigung
Nach der Abwahl aus dem Regierungsrat war Roberto Zanetti acht Monate arbeitslos. Er suchte eine neue berufliche Perspektive und fand sie bei der «PERSPEKTIVE Region Solothurn». Seit 2006 arbeitet er als Geschäftsleiter dieser Suchthilfeorganisation, die im Auftrag der Gemeinden Menschen mit Suchtproblemen hilft, Jugendliche und ihre Eltern berät, Taglöhner vermittelt und eine Gassenküche in Solothurn betreibt. «Ich habe einen Superjob», sagt Zanetti. Er arbeitet zurzeit 80 Prozent; bei einer Wahl in den Ständerat müsste er sein Pensum reduzieren. «Aber das regeln wir nach einer allfälligen Wahl.» Nichts ändern würde sich an seinem privaten Umfeld: «Ich bin glücklicher Single.» Er wohnt in einem Doppeleinfamilienhaus in Gerlafingen, in seiner Freizeit trifft er sich mit Kollegen oder kocht gern. Ein eigentliches Hobby hat er nicht. «Politisieren ist meine liebste Freizeitbeschäftigung.»

Strompreise sind für Industrie zu hoch

Sollte Zanetti sein Hobby künftig auch in Bundesbern ausleben dürfen, will er sich vor allem in Wirtschaftsfragen für den Kanton Solothurn einsetzen. «Ich möchte die Strompreisproblematik anpacken», erklärt Zanetti. Das Stahlwerk in Gerlafingen liegt ihm immer noch sehr am Herzen, es leidet wie andere Industriefirmen unter den hohen Strompreisen. «Es kann nicht sein, dass sich 80 Prozent der Stromwirtschaft in öffentlicher Hand befinden und unsere Industrie kaputt machen.» Die momentane Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit beschäftigt Zanetti, der sich den Wählerinnen und Wählern als «Wirtschaftsvertreter der Büezer» anpreist. Er ist überzeugt, dass der Kanton Solothurn verschiedene Stärken aufweist, die sich fördern lassen. «Die Verkehrsanbindung etwa oder die Affinität zur Präzision in der Industrie.»

10-Mal Ja oder Nein

  • Einheitskrankenkasse einführen? Ja
  • A1 auf sechs Spuren ausbauen? Ja, Strecke Härkingen-Wiggertal
  • CO2-Abgabe auf Benzin? Ja
  • Handänderungssteuer für selbst genutztes Eigentum abschaffen? Nein
  • Lehrplan in der Deutschschweizvereinheitlichen? Ja
  • Zweijähriger Kindergarten für alle? Ja
  • Längere Freiheitsstrafen? Ja, für Wirtschafts- und Gewaltdelikte
  • AHV-Alter erhöhen? Nein
  • Kriegsmaterial-Ausfuhrverbot? Ja
  • Lehrabgängern das Arbeitslosengeld kürzen? Nein

10-mal Zanetti privat

  • Lieblingsbuch? Kein Spezielles; ich bin aber ein neugieriger Leser.
  • Lieblingsessen? Käse-Fondue.
  • Liebste Reisedestination? Italien.
  • Im Kanton? Aeschisee.
  • Lieblingsfilm? «Novecento» von Bernardo Bertolucci.
  • Lieblingsmusik? Italienische Cantautori.
  • Politiker? Willy Brandt.
  • Liebster Sportler? Lara Gut.
  • Lieblingsauto? Es muss möglichst bequem sein.
  • Lieblingswein bzw. -bier? Veltliner Sfurzat und Nastro Azzurro.

 

Quelle: Solothurner Zeitung vom 20. November 2009

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