«Glauben Sie eigentlich an Gott?»

Grossandrang gestern Vormittag an der Bielstrasse 26 in Solothurn. Hier öffnete die Evangelisch- methodistische Kirche ihre neu renovierte Kapelle. Doch einige kamen auch wegen eines prominent besetzten Podiums.

 

VON FRÄNZI RÜTTI-SANER (TEXT)
UND MANUELA JÄGGI-WYSS (BILDER)

 

Punkt 11 Uhr begrüsste Podiumsleiterin Anita Panzer gut 300 Zuhörer im voll besetzten Kapellenraum der Evangelischmethodistischen Kirche an der Bielstrasse 26 in Solothurn. Auf dem Podium nahmen der Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche für Mittel- und Südeuropa, Patrick Streiff, der neu gewählte Solothurner Ständerat Roberto Zanetti und der Diözesanbischof des Bistums Basel, Kurt Koch, Platz. Die vier wollten sich darüber unterhalten, wie und in welchem Spannungsfeld sich heute Religion und Politik bewegen. Fragen, welche die Besichtigung der neu renovierten Räumlichkeiten der Methodisten doppelt lohnten.

Anita Panzer startete nach einer kurzen Vorstellungsrunde gleich mit der Gretchenfrage an Roberto Zanetti: «Glauben Sie an Gott?» – «Darüber habe ich mir lange nicht mehr so viele Gedanken gemacht», gab Zanetti zu und ergänzte, er glaube mehr an ein Geheimnis. Er halte es eigentlich so, wie das Peter Bichsel einmal sagte: «Ich bin fast sicher, dass es ihn nicht gibt, aber ich glaube daran», und er fügte nicht ganz ernst gemeint hinzu: «Gott ist sicher kein Rechtsextremer. » Über diese Bemerkung schmunzelten die beiden Kirchvertreter. Patrick Streiff meinte, für ihn sei wichtig, wie Jesus Christus gelebt habe, was er verkündet habe, und Kurt Koch ergänzte, der Glaube an Gott sei ein Geheimnis und höre nie auf, eines zu sein.

 

IM VERLAUF DER DISKUSSION erörterten die Teilnehmer auch das schwindende Interesse der Menschen an der Kirche, aber auch an der Politik. «Wir haben ja eigentlich die gleichen Probleme», meinte Zanetti. Doch er habe auch kein Rezept, wie man das Desinteresse der Leute aufheben könne. Bischof Streiff bemerkte, dass das Thema Kirchenaustritt in seiner Glaubensgemeinschaft nicht so dringend sei. «Grundsätzlich suchen die Leute nach einem religiösen Fundament.» Als Kirche müsse man offen sein, und Bischof Kurt Koch meinte, die Frage müsse lauten: Wie bringen wir das Evangelium zu den Leuten? Die Gründe für Kirchenaustritte seien sehr vielschichtig. Ein wichtiger Grund sei eben auch das staatskirchenrechtliche System, sprich die Steuern. Koch gab ein Müsterchen: «Ich lernte jemanden kennen, der ausgetreten war und dann aber meinte, wenn er 60 Jahre alt sei, wolle er dann wieder eintreten».

 

KURZ GING DIE DISKUSSION dann auch noch auf die Minarett-Abstimmung ein, und Roberto Zanetti ereiferte sich sichtlich. «Diejenigen, die diese Initiative gestartet haben, haben bewusst ein grosses Risiko für dieses Land in Kauf genommen. » Patrick Streiff erinnerte, dass vor 150 Jahren auch die Methodisten keine Kirchtürme hätten bauen dürfen, und Kurt Koch meinte, die politischen Gremien hätten den Abstimmungsausgang völlig verkannt. «Wie weiter?», müsse jetzt die Frage lauten, meinten die drei Podiumsteilnehmer. Man müsse wachsam bleiben, sagte Koch: «Integration ist wichtig, und wir müssen darauf achten, dass unser Rechtssystem für alle gilt und es keine Sonderrechte für bestimme religiöse Fragen geben darf.» Dem stimmten Zanetti und Streiff zu.

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