Roberto Zanetti auf dem Bleichenberg

Was ist Heimat, und wo steht die Schweiz in Zukunft? Themen, die Walter Fust und Roberto Zanetti in ihren Ansprachen auf dem Bleichenberg ins Zentrum rückten.

CHRISTOF RAMSER
Aserbaidschan, Costa Rica, China, Georgien, Liberia, Mali, Ukraine – die Aufzählung der fernen Länder liesse sich lange fortführen. Doch was hat diese Liste in einer Berichterstattung über die Bundesfeier verloren? Wo in Reden traditionellerweise Themen wie Heimat und Identität aufgenommen und die Errungenschaften der Schweiz hervorgehoben werden? Es ist ein Auszug aus der langen Liste der weit über 100 Länder, die Walter Fust in seiner beruflichen und diplomatischen Laufbahn besucht hat – unter anderem als ehemaliger Leiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA. Und wer wie Fust viel gereist ist und sich in der globalisierten Welt bewegt hat, kann viel erzählen – gerade auch davon, was Heimat aus der Sicht eines Weitgereisten bedeutet. «Ich durfte in der Welt zu Hause sein, daheim bin ich aber in der Schweiz», sagte «Laienprediger» Fust gestern Morgen am ökumenischen Gottesdienst dem Bleichenberg.
Seit Jahren wird in Zuchwil, Biberist und Derendingen der Auftakt zur Bundesfeier im Mittelpunkt des Gemeindedreiecks mit einem Gottesdienst begangen. Die Idee dazu hatte der Zuchwiler Pfarrer Paul Bühler. Und sie stösst in den drei Agglomerationsgemeinden auf Anklang: Die Bänke im Festzelt waren voll.

Nah beisammen und doch weit entfernt
Den Wohlstand in der Schweiz dürfe man nicht als selbstverständlich erachten, hielt Fust in seiner Rede fest. Aber man brauche auch kein schlechtes Gewissen zu haben deswegen, sondern solle die Werte, die dies ermöglicht hätten, hochhalten. «Wer seine Herkunft nicht kennt, kann andere Kulturen weniger gut verstehen.» Fust plädierte für mehr Verständnis zwischen Kulturen und dafür, Verantwortung vor dem eigenen Gewissen zu tragen. Denn die moderne Kommunikation habe die Welten punkto Distanz einander zwar näher gebracht. «Aber können wir deswegen besser miteinander kommunizieren? Nein.» Es brauche vermehrten Dialog mit Kindern, mit Senioren, mit Eingesessenen und mit Fremden. Denn am 1. August gehe es auch um Humanität, sagte Fust. «Und meine innerste Heimat ist die Menschlichkeit.»

«Eine regelrechte Erfolgsstory»
Passend zum thematisierten Weitblick präsentierte sich die Rundumsicht vom Bleichenberg in alle Himmelsrichtungen. Der besungene Alpenfirn im Schweizerpsalm lag am Morgen zwar im Dunst, war aber deutlich erkennbar. Anders am Abend, als Wolken aufgezogen waren und Roberto Zanetti seine Festansprache hielt. Doch auch der Solothurner Ständerat thematisierte in seiner Rede den Aussenblick – begann aber am Ursprung im Innern der Schweiz und pries den Rütlischwur als Startschuss zu einer «regelrechten Erfolgsstory». Dieser Zusammenschluss habe nach aussen Stärke und Selbstsicherheit bewirkt, nach innen aber Autonomieverlust und den Zwang zum Kompromiss zur Folge gehabt. Die drei unabhängigen Männer hätten mit Blick auf das übergeordnete Ziel Einschränkungen ihrer Rechte in Kauf genommen und zu gegenseitigen Pflichten Ja gesagt.

Europa nimmt Mass an der Schweiz
Auch nach 720 erfolgreichen, gelegentlich schmerzhaften und fast immer mühsamen Jahren werde das Erfolgsmodell Schweiz weiterentwickelt. Doch die Frage müsse gestellt werden: «Ist das Modell gerade deswegen so erfolgreich, weil unsere Vorväter im richtigen Moment mutige Schritte über die jeweiligen territorialen Grenzen hinaus gemacht haben? » Zanetti griff die Debatte um das Verhältnis der Schweiz zu Europa auf und befand, dass die Schweiz ihr Verhältnis klären müsse. «Und dafür haben wir nicht mehr 720 Jahre Zeit». Die europäische Integration sei eine Erfolgsgeschichte und habe Frieden, Demokratie und Wohlstand zur Selbstverständlichkeit gemacht. Manchmal habe man das Gefühl, das Modell Europa habe am Modell Schweiz Mass genommen. Die Schweiz habe das Zeug dazu, nicht nur im Herzen Europas zu liegen, sondern auch zum Herzen Europas zu werden. Mindestens der erste Schritt, nämlich die emotionslose Analyse der Interessenlage, sei überfällig. Das müsse ohne populistischen Lärm möglich sein – über die Interpretation und die Schlussfolgerungen könne man immer noch streiten. «Aber bitte in gut eidgenössischer, respektvoller und konstruktiver Art.»

Quelle: Solothurner Zeitung vom 2. August, Seite 22

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