6 Wochen Ferien für alle. Volksinitiative

 

Zanetti Roberto (S, SO): Ich danke dem Kommissionssprecher, dass er zum Abschluss auch den Standpunkt der Minderheit mit Charme und sehr viel Talent dargelegt hat. Im Namen dieser Minderheit, einer tapferen Minderheit, möchte ich Ihnen beantragen, die Abstimmungsempfehlung positiv zu formulieren und die Initiative mit ein bisschen Rückenwind in den Abstimmungskampf zu schicken.
Der Vorredner hat es bereits angetönt, es sind zwei, drei Hauptgründe: Wir kennen den technologischen Wandel, den Strukturwandel in unserer Wirtschaft, den extrem hohen Wettbewerbsdruck. Das hat dazu geführt, dass die Belastung am Arbeitsplatz massiv zugenommen hat. Die meisten, die in einem Anstellungsverhältnis stehen, leiden unter einem hohen Arbeitsrhythmus. Es wird maximale Flexibilität verlangt; Hektik gehört zum Berufsalltag der meisten Beschäftigten.
Das Problem ist, dass das nicht nur am Arbeitsplatz so ist, sondern dass das zunehmend auch in die Freizeit – die ja nicht mehr so eindeutig von der Arbeitszeit zu unterscheiden ist – hinüberschwappt. Die Grenze zwischen der Zeit mit beruflicher Höchstleistung und der verdienten Erholungszeit wird zunehmend aufgehoben. Wir kennen das alle: Arbeitnehmende oder Politikerinnen und Politiker haben grundsätzlich immer und überall verfügbar und erreichbar zu sein. Handy, Laptop, Wireless-Netze, UMTS und was es da alles gibt erinnern uns an diese Hektik – ansonsten schlage ich Ihnen vor, mal einen Blick in die Wandelhalle oder in die Vorzimmer unserer Räte zu werfen; Sie sehen dort die Ruhelosigkeit und Hektik.
Die Stresssymptome führen tatsächlich zu individuellen und gesellschaftlichen Kosten, die vom Seco im Jahr 2007 auf rund 10 Milliarden Franken geschätzt worden sind. Ich gehe davon aus, dass in der Zwischenzeit diese Kosten eher gewachsen als geschrumpft sind.
Die Work-Life-Balance, das ist eine Angelegenheit, die ja bei sämtlichen Promi-Interviews abgefragt wird, ist aus dem Gleichgewicht gekommen, und um zunehmenden Schaden an der Gesundheit der Beschäftigten zu verhindern, muss Gegensteuer gegeben werden.
Ich habe den Eindruck, dass aufgrund dieser fliessenden Grenze zwischen Arbeits- und Freizeit eine Reduktion der Tages- oder der Wochenarbeitszeit eben gerade nicht die erhoffte Wirkung zeigt. Es nützt nichts, wenn ich am Abend eine Stunde früher Feierabend machen kann, um dann einfach zuhause eine Stunde früher am PC die Geschäftsmails abzuchecken. Ich glaube, ein klarer Break in Form von Ferien hat da die wesentlich bessere Wirkung, und wenn wir die Initiative zur Annahme empfehlen würden, dann könnten wir zweimal pro Jahr je drei Wochen Ferien machen oder eben sogar dreimal pro Jahr je zwei Wochen, und während dieser Zeit kann echt abgeschaltet und regeneriert werden. Ich glaube, so wäre der Erholungszweck der Ferien am besten garantiert.
Wir kennen das aus den Unternehmen im Umgang mit Maschinen. Jede Maschine wird regelmässig gewartet, und es werden Servicearbeiten vorgenommen. Und je höher die Auslastung der Maschine, umso kürzer sind die Unterhalts- und Serviceintervalle. Und ähnlich sollte es doch mit dem wichtigsten Kapital in einem Unternehmen sein. Je höher die Belastung der Mitarbeitenden ist, umso häufiger sollten Regenerationsphasen eingeschaltet werden können.
Die geschätzten Mehrkosten sind vom Berichterstatter der Kommission angesprochen worden: 2 Prozent pro zusätzliche Woche Ferien. Ich gehe davon aus, dass die 4 Prozent eher eine fiktive Zahl sind. Denn die allermeisten haben ja bereits fünf Wochen Ferien. Diese 2 Prozent Lohnkostenerhöhung sind eben tatsächlich nicht nur Lohnkosten, sondern sie sind, wie es der Berichterstatter treffend formuliert hat, Investitionen in die Gesundheit, Investitionen in die langfristige Erhaltung der Produktivität und in die Motivation der Mitarbeitenden.
Ich glaube, gesunde, produktive und motivierte Mitarbeitende sind das wertvollste Betriebskapital. Sie haben, in Managerdeutsch gesprochen, eine hohen Return on Investment. Investitionen in gesunde, produktive und motivierte Mitarbeiter sind deshalb nicht bloss Ausdruck der Fürsorgepflicht, die ein Arbeitgeber gegenüber seinen Beschäftigten hat, sondern sie sind einfach ein Ausdruck von Anstand und Fairness, und sie sind insbesondere ein Ausdruck von unternehmerischer Cleverness und unternehmerischem Weitblick.
Zudem drängt sich ein höherer Ferienanspruch nicht nur aufgrund dieser arbeitgeberseitig gebotenen Fürsorgepflicht auf, er drängt sich auch aus Gründen der Gerechtigkeit auf. Wir haben es gehört: Gemäss den Zahlen des Bundesamtes für Statistik hat die Arbeitsproduktivität in der Schweiz in der Zeit, glaube ich, zwischen 1992 und 2007 über 20 Prozent zugenommen, die Reallöhne lediglich um 5 Prozent. Wenn also jetzt die Ferien-Initiative zum Tragen käme und die Lohnkosten damit um meinetwegen 2 Prozent, in einzelnen Fällen um 4 Prozent steigen würden, würde damit nur ein ganz kleiner Anteil der Produktivitätssteigerung weitergegeben. Es wären wirklich nur ein paar Brosamen des Produktivitätsfortschrittskuchens. Mir scheint, diese paar Brosamen würden die Beschäftigten unseres Landes eigentlich verdienen. Ich bitte Sie deshalb, die Initiative zur Annahme zu empfehlen und ihr damit ein bisschen Rückenwind zu verschaffen.
Vielleicht noch eine Anmerkung zum Schluss: Die Initiative will mindestens sechs Wochen Ferien, nicht höchstens. Viele hier im Saal können auch in Zukunft wie bisher sechs oder mehr Wochen Ferien beziehen. Ich gehöre leider wohl zu einer Minderheit: Ich habe einen Ferienanspruch von lediglich fünf Wochen pro Jahr – und träume selbstverständlich davon, in nächster Zukunft mit der Mehrheit im Saal gleichziehen und jährlich sechs Wochen Ferien feiern zu können.
Ich danke Ihnen, wenn Sie der Minderheit folgen und so der Initiative für die Volksabstimmung zum Durchbruch verhelfen.

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